Digital Leadership

Mehr Nutzen für alle: Digitalisierung als Chance für Europa und umgekehrt

Mehr Nutzen für alle: Digitalisierung als Chance für Europa und umgekehrt

Von Stefan Fritz

 

Digitalisierung wird heute immer noch viel zu sehr aus Technologie-Sicht betrachtet und dem Effizienz-Gedanken untergeordnet. Doch Digitalisierung ist bzw. kann viel mehr, wenn wir den Fokus auf den Nutzen für die Beteiligten legen und unsere europäischen Werte einbringen.

 

Schneller, besser, effizienter. Angesichts dieser Ziele verwundert es nicht, dass Digitalisierung für viele Menschen eine negative, wenn nicht sogar zerstörerische Konnotation hat. Etwa die zunehmende Beschleunigung durch ständige Erreichbarkeit über unsere Smartphones oder gar drohenden Jobverlust.

Stefan Fritz - Cancom

Stefan Fritz

Experte für faire digitale Plattformen und As A Service-Modelle

Das Wesen von Digitalisierung ist das Verbinden von Bereichen oder Märkten, die zuvor nicht miteinander verbunden waren. Dadurch entstehen neue Geschäftsmodelle jenseits des Gestaltungsleitbildes der Effizienz – und ein riesiges Chancenpotential für Unternehmer.

 

Doch bislang assoziieren wir Begriffe wie Digitalisierung und neue Geschäftsmodelle vorrangig mit den großen US-Playern aus dem Silicon Valley, für die wir so etwas wie eine Hassliebe empfinden. Wir bewundern sie wegen ihrer Idee und ihres Erfolgs; zugleich ist uns aber bewusst, dass sie sich ihren Partnern und Kunden gegenüber nicht fair verhalten. Und diese Einstellung stört uns, weil wir sie nicht mit unserem Weltbild und unseren europäischen Werten vereinbaren können.

Sind wir in Europa und hier in Deutschland etwa zu dumm für Digitalisierung? Und wieso können wir Digitalisierung nicht einfach so angehen, dass sie allen einen Vorteil bringt? Damit nicht nur ein Geschäftspartner etwas davon hat, sondern auch die Kunden, Mitarbeiter und alle eingebundenen Partner – am besten die ganze Gesellschaft. Vielleicht müssen wir einfach mal die Perspektive wechseln.

Perspektivenwechsel: Fokussierung auf die Nutzen-Orientierung

Unsere Wirtschaft und viele unserer Innovationen haben wir dem Diktat der Effizienz untergeordnet – und diesen Ansatz haben wir auch für die Digitalisierung gewählt. Seit Beginn der Automatisierung zerlegen wir Arbeitsschritte in immer kleinere Einheiten und optimieren die einzelnen Teilschritte unabhängig voneinander. Das führt zu Beschleunigung und Entfremdung unserer Arbeit.

 

Bekanntes Beispiel ist die Automobilindustrie: Prozesse werden immer besser miteinander verbunden und Zulieferer eng und digital integriert. Deutschland kann also digitalisieren – auf vertikaler Ebene, unter dem Diktat der Effizienzsteigerung.

 

Unternehmen wie Philips oder Sonos zeigen, wie Digitalisierung anders geht. Die Philips-HUE-Lampen sind mit ZigBee-Funkmodulen ausgestattet. Dadurch können sie in diverse Smarthome-Systeme integriert werden. Egal ob Google Home, Apple Homekit, oder Amazon Alexa: HUE fügt sich als Kettenglied in diese und weitere Smarthome-Systeme ein durch horizontale Vernetzung.

Denken in Prozessketten: warum horizontale Digitalisierung erfolgreich ist

Anbieter wie Philips oder Sonos verstehen sich als Teil einer Ketten-Ökonomie. Sie denken in Prozessketten und verbinden Dienste miteinander. Dafür nutzen sie offene Schnittstellen und bieten diese auch selber an. Die Folge: die Produkte lassen sich in Lösungen anderer Anbieter eingliedern und erreichen dadurch mehr Kunden.

Der Käufer wiederum ist bereit, für diese vernetzte Glühbirne einen höheren Preis zu zahlen, weil er einen Mehrwert erhält. Denn diese Kettenbildung als horizontale Digitalisierung zielt auf Nutzenmaximierung für den Verbraucher ab statt auf Effizienz bei der Herstellung.

 

Gleiches gilt für Lautsprecher von Sonos, Home-Automatisierung mit Stringify oder den Plattform-Dienst IFTTT, der die Verbindung von Apps mit diversen Webdiensten ermöglicht. Horizontale Digitalisierung, also Kettenbildung, verbindet ein Produkt oder einen Service mit vielen anderen Produkten und Diensten und schafft damit einen Mehrwert für den Verbraucher.

 

Kettenmanagement als Vernetzung jenseits der Effizienzmaximierung müssen wir in Deutschland lernen. Das Denken vom Kundennutzen her ist ein spannender Bereich für Unternehmer, in dem wir viel von den US-amerikanischen Beispielen lernen können, um diese dann mit unseren Wertmaßstäben umzusetzen.

Statt Monopolismus: Fairer Umgang mit allen Plattform-Teilnehmern

Jeder kennt die erfolgreichen disruptiven Plattformen wie Amazon, Uber oder AirBnB. Plattformen sind deshalb so effizient, weil sie zwei Märkte miteinander verbinden und Vorteile für beide Seiten schaffen.

 

Die großen US-Plattformen sind unter ethischen Aspekten jedoch kein gutes Vorbild: Bei Uber etwa werden zugunsten des guten Preises für den Fahrgast die Rechte der Taxifahrer beschnitten. Und auch als Fahrgast ist man Preisänderungen im aktuellen Spiel von Angebot und Nachfrage willkürlich ausgesetzt.

 

Doch es geht auch anders. Es gibt sie, die Unternehmer, die heute schon aktiv faire digitale Plattformen auf Basis eines europäischen Wertekanons bauen. Hier ein paar Beispiele aus ganz unterschiedlichen Bereichen:

 

Das StartUp idagio aus Berlin, ein Streaming-Dienst für Klassikliebhaber, verbindet Künstler und Konsumenten in direkter und fairer Form und sorgt für eine faire Entlohnung der Künstler. Die Konsumenten profitieren von einem breitgefächerten Klassikangebot, bei dem sie sich Werke von unterschiedlichen Interpreten anhören können und Begleitinformationen zu Künstlern und Werken erhalten.

 

Im Agrarbereich gibt es mit 365Farmnet eine herstellerunabhängige Plattform zur Verwaltung landwirtschaftlicher Betriebe aller Größen. Mehr als 30 europäische Partner entwickeln Anwendungen, mit denen sie Potentiale für eine effiziente, zukunftsfähige und nachhaltige Landwirtschaft und Ernährung aufzeigen. Nutzer in aktuell 25 Ländern nutzen die Dienste in fünf Sprachen – von der Dokumentation über Wetterdaten bis zur Betriebsanalyse.

 

Aisler bietet als Online Plattform für Elektronik-Fertigung kreativen Hobby-Lötern und Elektro-Ingenieuren die Möglichkeit, ihre Idee schneller auszuprobieren und umzusetzen. So wird der mühsame Prozess von der Idee zur Umsetzung von vielen Wochen auf wenige Tage reduziert.

Fair-antwortung übernehmen für alle Plattform-Beteiligten

Als Unternehmer haben wir es in der Hand, faire Plattformen auf Basis unserer europäischen Werte aufzubauen, indem wir uns am Nutzen für alle Beteiligten orientieren. Oberste Prämisse dafür ist der faire Umgang mit allen Partnern auf der Plattform. Weitere wichtige Eckpfeiler sind die Etablierung von Datenschutz als Grundprinzip, indem Daten nicht als Ware oder Bezahlung eingesetzt werden, sowie der feste Wille zu Kooperation und Zusammenarbeit. Darauf müssen sich alle von Anfang an einlassen und bereit sein, diesen Weg zu gehen. Denn das Streben nach fairen Plattformen bedeutet eventuell auch etwas weniger Geld (und damit Einflussnahme) von VC Investoren. Doch sollte uns das gemeinsame Leben auf unserem Planeten das nicht wert sein?!

Starke Verbraucher gestalten die digitale Welt aktiv mit

Die immer wieder angefachte „Geiz ist geil“-Mentalität beflügelt den Effizienzkampf. Für wirkungsvolle Digitalisierung ist das aber genau die falsche Richtung. Als Verbraucher entscheiden wir mit, welche Produkte und Services Unternehmen uns anbieten. Mit unserer aktiven Entscheidung und Unterstützung können wir auf Nutzenmaximierung ausgelegte Produkte wie HUE und faire Plattformen wie Aisler, idagio oder 365Farmnet be- bzw. entlohnen.

 

So wie wir bei Textilien bewusst Angebote auf Basis von massiver Ausbeutung boykottieren, haben wir auch in der digitalen Welt eine Wahl. Durch unser Nutzer-Verhalten beeinflussen und gestalten wir digitale Angebote. Etwa indem wir bereit sind, für (digitale) Services wie sichere E-Mail, Suchmaschinen, Musik, News oder Magazine zu bezahlen. Wir müssen Google nicht nutzen, wenn wir die Hoheit über unsere privaten Daten behalten wollen. Denn wenn wir etwas umsonst bekommen, sind wir selber die Ware.

 

Ebenso wie wir bei Lebensmitteln über die Bevorzugung regionaler Produkte diskutieren, können wir auch in der digitalen Welt darauf achten, welche lokalen, deutschen oder europäischen Ideen wir mit unserer Nutzung unterstützen wollen.

Fazit

Digitalisierung kann viel mehr als nur Effizienzsteigerung. Davon können wir auch in Europa und in Deutschland profitieren, wenn wir den Perspektivenwechsel wagen, indem wir uns klar auf den Nutzen für alle Beteiligten fokussieren. Mit neuen, fairen Plattformen und As a Service-Geschäftsmodellen heben wir die Potenziale der neuen technologischen Möglichkeiten. Als starke Verbraucher unterstützen wir solche Konzepte ganz bewusst und gestalten damit unsere digitale Zukunft fair und menschenwürdig.

Über den Autor

Stefan Fritz ist Experte für faire digitale Plattformen und As A Service-Modelle. Als Gründer und Unternehmensgestalter beschäftigt er sich seit mehr als 20 Jahren damit, wie man mit digitalen Technologien nachhaltige Geschäftsmodelle aufbauen kann und begleitet Konzerne, Mittelständler und Startups in diesem Prozess.

 

Quelle Titelbild: Pixabay

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