Equity & Governance

M&A: „Vor-Corona-Niveau ist nicht mehr haltbar“

M&A: „Vor-Corona-Niveau ist nicht mehr haltbar“

Markus Saller ist Director Mergers & Acquisitions bei PRIMEPULSE und erfahrener Spezialist für Unternehmenstransaktionen. Er analysiert für uns die Auswirkungen der Corona-Krise auf die mittelständischen Unternehmensverkäufe und -käufe und gibt eine Einschätzung für den M&A Markt in Deutschland ab. Sein Ausblick fällt klar und unscharf zugleich aus.

 

Redaktion: Herr Saller, wie wird sich die Corona-Krise auf den M&A-Markt auswirken?

 

Markus Saller: Zunächst ist festzustellen, dass die durch Corona ausgelöste Wirtschaftskrise einen selten gesehenen Grad an Planungsunsicherheit für die meisten Unternehmen mit sich gebracht hat. Plötzliche Lieferengpässe, Corona-bedingte Hygiene-Auflagen, unvorhersehbare Auftragsstornierungen sind nur einige Beispiele dafür. Die meisten Unternehmen sind daher derzeit nicht in der Lage, tragfähige Prognosen für die künftige Entwicklung des Unternehmens abzugeben. In Folge ist auch kein optimaler Unternehmenswert ermittelbar, der in der Regel auf die künftig erzielbaren Gewinne abstellt. Eigentümer, die nicht verkaufen müssen, werden in dieser „Schwebesituation“ keinen M&A-Prozess in Gang setzen. Genau dies war besonders im Zeitraum März 2020 bis circa Ende Juni 2020 zu beobachten, in dem unser Deal Flow im Bereich etablierte mittelständische Wachstumsunternehmen um etwa 80 Prozent abgenommen hat und bis Ende August 2020 weniger als 50 Prozent des Vor-Corona-Niveaus erreicht hat. Gleichzeitig stiegen ab Mai 2020 die Anfragen für Investments in innovative Wachstumsunternehmen. Dies betraf in erster Linie positiv von der Krise betroffene Unternehmen aus der IT- bzw. Digitalbranche, die durch den „Digitalisierungsbeschleuniger“ Corona in vielen Bereichen Auftrieb bekommt. Solche Unternehmen dürften auch weiterhin oder gerade jetzt besonders interessant für einen Verkauf bzw. die Einwerbung von Wachstumskapital sein und eine stabile Unternehmensbewertung erzielen. Schließlich bleibt die Gruppe der Unternehmen, die bereits vor der Corona-Krise „angeschlagen“ waren und für die die Corona-Krise die Abwärtsspirale beschleunigt hat. Bereits seit Juni 2020 sehen wir eine deutliche Zunahme von Sanierungsfällen bis hin zu Insolvenzen. Hier wird es aus unserer Sicht bis Ende 2020 und wohl auch noch 2021 einen starken Anstieg geben.

 

Redaktion: Das heißt, einige Bereiche sind gerade sehr gefragt, andere deutlich weniger oder gar nicht mehr. Wo wären Investments aus Ihrer Sicht als Investor generell interessant?

 

Markus Saller: Wir fokussieren uns in unserem Beteiligungsportfolio bei PRIMEPULSE auf Bereiche, von denen wir uns langfristiges Wachstumspotenzial versprechen. Die Corona-Krise hat uns darin bestärkt. Wir sehen technologieorientierte Unternehmen, die ihr Geschäftsmodell beispielsweise im Umfeld von Digitalen Plattformen, Applikationen bzw. Software, IoT, Automatisierung oder Elektronik-Lösungen haben, als zukunftsträchtige, nachhaltige Investments.

Markus Saller

Director M&A bei Primepulse

(Quelle Primepulse)

Redaktion: Was raten Sie Unternehmern, die derzeit an einen Unternehmensverkauf denken, zum Beispiel im Zusammenhang mit der Nachfolgeregelung?

 

Markus Saller: Es kommt zunächst darauf an, wie stark das Unternehmen bisher von der Krise betroffen ist und künftig betroffen sein wird. Für die meisten Mittelständler wird wohl zutreffen, dass man zunächst sein bisheriges Geschäftsmodell soweit wie möglich an veränderte Rahmenbedingungen anpassen und in Richtung Digitalisierung überarbeiten sollte. Dazu gehört beispielsweise die Verringerung von Abhängigkeiten von einzelnen (Groß-)Kunden bzw. Branchen sowie von internationalen Lieferketten durch den Aufbau von sogenannten Second Source-Lieferanten, die Ausstattung der Mitarbeiter für zunehmende Home-Office-Tätigkeiten, die Stärkung der Eigenkapitalbasis, aber auch der Zukauf ergänzender Technologien. Wer die nächsten zwei Jahre nicht verkaufen muss, sollte aus meiner Sicht keinen M&A-Prozess anstoßen, zumal auch viele potentielle Käufer derzeit mit eigenen Problemen zu kämpfen haben und daher keine Zukäufe planen. Eigentümer, die – aus welchen Gründen auch immer – einen Verkauf innerhalb der nächsten 12 bis 24 Monate anstreben, müssen diese ungünstigen Rahmenbedingungen, die am Ende fast immer zu einer geringeren Bewertung führen, in Kauf nehmen.

Redaktion: Die Krise wird sich also auf das Preis-Niveau bei M&A-Transaktionen auswirken?

 

Markus Saller: Das wird wie gesagt sehr stark von der Branche und dem Unternehmen abhängen. Bei Transaktionen im Tech-Umfeld, in dem die Unternehmen oftmals echte Alleinstellungsmerkmale haben, könnte es stabil bleiben. In vielen anderen Bereichen sehe ich die Bewertungen auf Vor-Corona-Niveau für nicht haltbar, wenn die Wirtschaft wie prognostiziert schrumpfen und die Planungsunsicherheit zunehmen wird. Bei gleichzeitig sinkenden Gewinnen und Bewertungsfaktoren (z.B. EBIT-Multiple), fallen die Unternehmensbewertungen in der Folge deutlich.
In den letzten zehn Jahren ging es den meisten Unternehmen wirtschaftlich hervorragend. Die Gewinne stiegen stetig, wir lebten in einem Verkäufermarkt. Mittlerweile gibt es Anzeichen, dass es sich in einen Käufermarkt drehen könnte. Investoren werden also mehr Auswahl an zu kaufenden Unternehmen vorfinden. Wir bei PRIMEPULSE gehen davon aus, dass wir infolge der Corona-Krise attraktive Unternehmen zu vernünftigen Preisen zukaufen und dadurch die Grundlage für eine weiterhin gute Performance legen können. In unserer langjährigen Unternehmerlaufbahn waren wir mit Akquisitionen rückblickend immer dann am erfolgreichsten, wenn wir nicht jede Euphorie mitgemacht und sogar gegen die Marktmeinung agiert haben. Das heißt, wir haben bewusst zugekauft, wenn sich viele Investoren zurückgehalten haben. Genau diese Unternehmen haben sich als Durchstarter erwiesen, als der Markt wieder gedreht hat.

 

Redaktion: Wie sieht das Corporate Finance und M&A Umfeld nach Corona aus? Rechnen Sie mit einer Welle von Notverkäufen nach der Krise?

 

Markus Saller: Die Corona-Krise wird letztlich erst mit der Einführung eines wirksamen Impfstoffs bzw. Medikaments ein Ende finden, was nach heutigen Erkenntnissen noch mindestens sechs bis zwölf Monate dauern wird. Aus meiner Sicht wird diese Krise aber noch deutlich länger nachwirken. Das war in der Finanzkrise 2008/2009 zu beobachten, mit deren Folgen eine Vielzahl mittelständischer Unternehmen noch viele Jahre nach der Krise zu kämpfen hatten. Gerade für Unternehmen, die schon vor der Krise mit einer unterdurchschnittlichen Eigenkapitalquote oder unzureichenden Liquiditätsreserven unterwegs waren, werden sich die Finanzierungsbedingungen verschärfen und damit einhergehende Liquiditätsengpässe die Probleme verstärken. Zudem werden Banken und Investoren im Zuge von Wachstumsfinanzierungen noch mehr Fokus auf die Zukunftsfähigkeit des Geschäftsmodells in Bezug auf digitales Wertschöpfungs- und Wachstumspotenzial legen. Folglich bleibt für Unternehmen, deren Gesellschafter keine Eigenmittel mehr einbringen können oder wollen, der Weg des Verkaufs an einen passenden Investor. Diese krisenbedingten Verkäufe werden aus meiner Sicht in den nächsten zwei Jahren noch deutlich zunehmen, sollten aber immer auch als Chance gesehen werden, das Unternehmen nachhaltig und langfristig in gute Hände zu geben und damit die Zukunftsfähigkeit abzusichern.

 

 

Quelle Titelbild: TheDigitalArtist on Pixabay

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